Queen Mary universität (UK)

Ehrfurchtsvoll durch die geschichtsträchtigen Gemäuer einer altehrwürdigen Universität wandeln: im Vereinigten Königreich gehört das für Studierende vielerorts zum Alltag. Zugleich erwartet der akademische Nachwuchs von einem Campus aber auch moderne technische Standards und eine zeitgemäße Infrastruktur. Der Queen Mary University gelingt der Brückenschlag zwischen Tradition und Moderne mit dem Bau eines einzigartigen Graduiertenzentrums im Londoner Stadtteil Mile End - und einer fugenlosen Fassade mit Vormauerziegeln von Vandersanden.

Im internationalen Wettbewerb um den talentiertesten akademischen Nachwuchs musste sich die Londoner Hochschule nicht nur inhaltlich anpassen, sondern auch architektonisch neu aufstellen. Vorläufiger Höhepunkt ist der 2020 abgeschlossene Bau des Graduiertenzentrums am Standort Mile End im Osten der britischen Hauptstadt. Für 36 Millionen Pfund entstand nach einem Entwurf des internationalen Architektenbüros WilkinsonEyre ein Bauwerk, das die zentrale Verwaltung des Kollegs, spezielle Studienräume und Räume für Postgraduierte sowie ein Café, einen Hörsaal im Harvard-Stil und Veranstaltungsräume vereint. Auch die neu gegründete School of Economics and Finance findet dort ihren Platz.

„Die Postgraduiertenprogramme sind stark gewachsen“, erklärt Morag Shiach, Professorin für Kulturgeschichte und stellvertretende Vorsitzende des Leitungsgremiums der Queen Mary University of London, „und wir haben auch eine große Anzahl an Doktoranden. Wir wollten ihnen ein separates Gebäude mit einer besonderen Atmosphäre zur Verfügung stellen, das den Erwartungen derjenigen entspricht, die sich in einer stärker professionalisierten Welt bewegen – Wirtschaft, Finanzen und Recht.“

Harmonisches Zusammenspiel gestapelter Baukörper

Harmonisches Zusammenspiel gestapelter Baukörper

Dem Bau war bereits zu Beginn der 2000er-Jahre eine Machbarkeitsstudie vorausgegangen, in deren Verlauf ein ungenutztes Gelände hinter der Fakultät für Ingenieurwesen und dem „People's Palace“, einem der ursprünglichen Gebäude der Universität, als Neubaufläche identifiziert werden konnte. Während die Planer der britischen Feilden Clegg Bradley Studios die Errichtung eines Turms vorschlugen, erhielt WilkinsonEyre bei der Ausschreibung im Jahr 2012 den Zuschlag für eine andere Idee: die gleiche Fläche horizontal anzulegen, die Rückseiten der Gebäude zu sanieren und eine neue Rückseite des Stadtblocks zu schaffen, der zu einer Durchgangs- und Versorgungsstraße geworden war.

Das Ergebnis ist ein 80 Meter langer, siebenstöckiger Hochbau, der sich durch zwei verglaste Bereiche im oberen und unteren Teil auszeichnet, in denen sich Sozial- und Studienräume für Studenten befinden. Dazwischen drei Stockwerke mit eher zellularen Büroräumen und kleineren Fenstern, die in eine Ziegelfassade eingebettet sind. Die enormen Ausmaße des 7.700 Quadratmeter großen Gebäudes wurden sorgfältig in fünf übereinander gestapelte Baukörper aufgeteilt, die sich in einer harmonischen Komposition von der Gebäudelinie abheben.

Ziegel als verbindendes Element

„Da das Graduiertenzentrum mit dem Rücken zu anderen Gebäuden steht, konnte der Grundriss nicht beliebig in die Breite ausgedehnt werden“, erklärt WilkinsonEyre-Architekt Stafford Critchlow. „Also konzentrierten wir uns auf die Längsrichtung. Wir brauchten jedoch für den Hörsaal eine größere Tiefe, damit er an einem Ende ausläuft, während die Bumerangform der Kontur der dahinter liegenden Gebäude folgt, aber auch dazu beiträgt, die Längsseite innen und außen aufzubrechen.“

Für die Fassadengestaltung fiel die Wahl auf Ziegel, um die Horizontalität der Baukörper zu betonen und den Kontext zu den benachbarten Gebäuden herzustellen. „Ziegel zu verwenden, fühlte sich richtig an“, so Architekt Critchlow, „und wir hatten schon lange nach einer Möglichkeit Ausschau gehalten, diese besondere Art der Fassadenverkleidung einzusetzen.“

Mauerwerk nach römischem Vorbild

Stafford Critchlow waren mit dem Zero-Mauerwerk von Vandersanden gestaltete Außenwände wegen ihrer modernen, fugenlosen Optik erstmals in Belgien aufgefallen. Zur Befestigung der Verblender wird der Mörtel nicht bis zur Oberfläche der Steine geführt, sondern nach dem Vorbild römischer Putzhaftziegel weit zurückgesetzt, so dass das Regenwasser dahinter ablaufen kann. Wenngleich das Gebäude auch von Objekten mit Ziegelfassaden umgeben ist, heben sich die drei für den Neubau festgelegten Farbtöne deutlich vom Umfeld ab: Perlgrau (Quartis genannt) für die untere Ebene, ein mittleres Grau (Platina) für den zweiten Baukörper und Gelb (Crème) auf der oberen Ebene. In Kombination mit den champagnerfarbenen Rahmen der Verglasung verleiht dies dem Projekt trotz seiner Größe ein filigranes und angenehmes Aussehen.

An den Stellen, an denen sich die drei Ziegelvolumina überlagern, hat der Architekt mit ebenfalls von Vandersanden gelieferten Riemchen eine Deckenverkleidung entworfen, die die unterschiedlichen Schichten wie solide, fast voneinander unabhängige Elemente erscheinen lässt. Da hier das Risiko bestand, dass die Riemchen herunterfallen, hat WilkinsonEyre zusammen mit dem Bauunternehmen Bouygues ein System entwickelt, bei dem die Riemchen zunächst in Bahnen von 10-15 Stück auf Nut- und Federbretter geklebt werden. Anschließend werden die vorgefertigten Elemente miteinander verbunden und an der Stahlunterkonstruktion befestigt. Besonders elegant gerät dieses Detail dort, wo die verschiedenen Ebenen an den Ecken oder an der Biegung der Bumerangform ineinander übergehen. Im Ergebnis ist WilkinsonEyre mit der Gestaltung des neuen Graduiertenzentrums in London eine solide Konstruktion gelungen, der es dank des fugenlosen Ziegelmauerwerks von Vandersanden dennoch gelingt, spielerisch zu sein und sich neu zu erfinden.

Projektdaten

  • Projekt - Queen Mary University of London, Graduate Center (UK)
  • Architekt - WilkinsonEyre Architects, London (UK)
  • Hochbau - Bouygues UK & Winchmore Brickwork Limited
  • Photographen - Greg Cullen, Jack Hobhouse en James Brittain
  • Standort - London (UK)
  • Fertigstellung - 2020

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